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Schritte zum Aufbau von Vertrauen

Dienstag, 10. Dezember 2019

 

Die Herausforderung, Vertrauen über Grenzen hinweg aufzubauen, ist universell und unausweichlich. Können wir von einer Kultur der Schuld und Vermeidung zu einer Akzeptanz gemeinsamer Verantwortung für eine neue Zukunft übergehen? Wir baten Rob Corcoran und Abigail Lash Ballew, die das Trustbuilding-Handbuch "A Handbook & Resource for Trainers" erstellt haben, über wichtige Schritte der Vertrauensbildung zu reflektieren. Das Handbuch ist die Grundlage der Arbeit des neuen Trustbuilding-Programms zum Aufbau von Vertrauen und wird von den Projektgruppen in Frankreich, Kanada und Kenia verwendet.

 

Wir alle haben Menschen im Kopf, die wir als "innerhalb" unseres Kreises betrachten, und andere, die sich "ausserhalb" befinden. Diejenigen, die wir ausschliessen, stammen vielleicht einer andere Kultur oder Religion an oder vertreten einen anderen politischen Standpunkt. Es können Menschen sein, die Gerechtigkeit fordern oder wirtschaftliche oder politische Macht innehaben. Als ein sogenannter Trustbuilder zu leben, der Vertrauen aufbauen möchte, bedeutet, auf diejenigen zuzugehen, deren Weltanschauung sich von unserer eigenen unterscheidet und die unsere Einstellung in Frage stellen, auf Menschen, die uns irritieren und sogar auf diejenigen, deren Anwesenheit unser Gefühl von Komfort und Sicherheit gefährdet. Die Verbindung fragmentierter Gemeinschaften fordert das Beste von uns allen: Liberalen und Konservativen, Einwandererinnen, Einwanderinnen und Einwanderern und Gastland, Menschen in der Stadt und Bewohnerinnen und Bewohner der Vorstädte, jung und alt. Jeder Mensch zählt.

Das Ausmass und die Komplexität der Probleme, mit denen Gemeinschaften, die sich im Wandel befinden, auseinandersetzen sowie die emotional herausfordernde Aufgabe, historische Wunden zu heilen, können überwältigend erscheinen. Hier gibt es keine Schnellverfahren, um Korreketuren vorzunehmen. Die Erfahrung in Richmond legt nahe, dass Trustbuilder mindestens zwei Dinge gemeinsam haben: die Bereitschaft, über Schuld hinauszugehen und persönliche Verantwortung für Veränderungen zu übernehmen sowie ein Führungsstil, der die besten Qualitäten und Eigenschaften im eigenen Umfeld fördert. Vertrauen aufzubauen ist keine Technik, die gelehrt werden kann; es ist eine Einstellung, die man übernimmt. Es resultiert aus Ehrlichkeit und einer Transparenz der Motive. Dieser neue Stil eines bürgerlichen Leaderships bietet eine Vision von Hoffnung und Chancen für alle.

Ehrliche Gespräche beinhalten konkrete Schritte, die die Grundlage für das Community Trustbuilding Fellowship und das neue IofC-Flagschiffprogramm, das sogenannte Trustbuilding-Programm, bilden. Wichtig hierbei sind die folgenden Schritte:

TBP - How we do it - graphic

1. Bei sich selbst beginnen

Diejenigen von uns, die ungeduldig auf Veränderungen warten, brauchen ein einheitliches Wertegefüge, das sich in unserem persönlichen Leben und öffentlichen Handeln widerspiegelt. Andernfalls kommt es zu einem Kohärenzverlust und Vertrauensbruch. Wie können wir von anderen verlangen, schwieriege und mutige Entscheidungen zu treffen, wenn wir nicht bereit sind, ehrlich zu uns selbst zu sein und unser eigenes Leben in Ordnung zu bringen? Einfach ausgedrückt müssen wir den Wandel, den wir von anderen erwarten, vorleben. Dies wird als Integration bezeichnet. Die Betonung der Eigenverantwortlichkeit durchbricht den Kreislauf von Verleugnung, Schuld und Opferrolle. Dies führt zu moralischer Klarheit ohne Frömmigkeit, indem es sich auf das stützt, was Michel Sentis und Charles Piguet "die eine universelle Sprache - voll gelebtes Leben" nennen. Individuen werden zu Trustbuildern und Menschen, die kreativ Wandel bewirken, indem sie bereit sind, einen furchtlosen Blick auf ihre eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen zu werfen. Trustbuilder, unabhängig davon, ob sie einer bestimmten Religion angehören, brauchen eine innere Quelle der Weisheit als Kompass und um Perspektive und Gleichgewicht zu bewahren, wenn es hart auf hart kommt.

 

2. Alle einbeziehen

Ein offener und integrativer Dialog ist das Herzstück der Vertrauensbildung. In ehrlichen Gesprächen setzen sich alle Beteiligten an einen Tisch und bleiben beim Thema. Die oben beschriebene unermüdliche Selbstanalyse erhöht unsere Fähigkeit, die zugrunde liegenden Faktoren und Fragen zu erkennen. Wichtige Fragen für jede Gemeinschaftsinitiative zum Aufbau von Vertrauen sind:

  • Welches Gespräch findet nicht statt?
  • Welche Frage haben wir Angst, auf den Tisch zu legen?
  • Wer muss Teil des Dialogs sein und wie können wir mit ihnen zusammenarbeiten?

Die meisten von uns fühlen sich wohler im Umgang mit Menschen, die unseren sozialen Hintergrund und unsere politischen Ansichten oder Werte teilen. Aber es kann wenig echte Veränderung eintreten, wenn wir es nur mit denen zu tun haben, mit denen wir übereinstimmen oder wenn wir die Menschen, die anderer Meinung sind, dämonisieren. Die Identifizierung der zugrunde liegenden Themen und die Schaffung eines sicheren Raums für einen formellen oder informellen Dialog, in dem alle einander zuhören und sich selbst ehrlich unter die Lupe nehmen, sind entscheidend, um zerstrittene Gruppen zu versöhnen. Dieser tiefe Dialog führt einzelne Menschen von einem einfachen Informationsaustausch zu einer Erfahrung der Veränderung.

 

3. Geschichte eingestehen

Der physische Akt einer "Wanderung durch die Geschichte" ist eine Methode für Gruppen und Gemeinschaften, um sich mit den Dämonen der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Laut Joseph V. Montville legt eine solche solche Wanderung einen Leitfaden der Heilung fest. "Er enthüllt vergangene Verletzungen und ermöglicht es dem Gewissen einer grossen Zahl von Menschen, Vermeidung aufzugeben und im positivsten Sinne zu agieren."

Die Fähigkeit, die gemeinsame Geschichte zu schätzen und Geschichte aus der Sicht der anderen Seite zu betrachten, ist ein Schlüssel zur Schaffung einer neuen Narrative. Es gibt Gemeinschaften, die so ihren eigenen, ganz persönlichen Weg gefunden haben, um den Kreislauf von Verleugnung, Schuld und Wut zu durchbrechen, der durch uneinagestandene  und ungeheilte Geschichte verursacht wird. Die "Wanderung" kann auf verschiedene Weise durchgeführt werden, aber sie beinhaltet immer eine genaue, respektvolle und integrative öffentliche Darstellung der Geschichte. Hannibal Johnson, Autor von The Black Wall Street, geht davon aus, die Erfahrung in Richmond sei das Modell einer wahren, gemeinsamen, integrativen Aussöhnung, ohne die moralische Wahrheit zu beeinträchtigen.

 

4. Ein Team aufbauen

Ein Team, das effektiv für einen breiten gesellschaftlichen Wandel arbeitet, erweitert ständig seinen Kreis und baut kollaborative Netzwerke auf, die die üblichen Grenzen von Politik, Klasse, Ethnizität und Geographie überschreiten. John Gardner beschreibt "Netzwerke der Verantwortung, die sich aus allen Bereichen zusammensetzen, um ein  Ganzes zu schaffen, das Vielfalt beinhaltet". Ein Team, das Vertrauen fördert, muss im täglichen Leben authentische Beziehungen nachweisen.

Wenn es nicht gelingt, ein wirklich vielfältiges Netzwerk des Vertrauens aufzubauen, werden viele wichtige Initiativen geschwächt...Getrennte Bemühungen, so edel und gut durchdacht sie auch sein mögen, sind zum Scheitern verurteilt... Um einen institutionellen Wandel zu erreichen, brauchen wir Verbündete, die bereit sind, Erkenntnisse, Wissen und Zugang zu Schlüsselpersonen und Machtzentren zu teilen. Durch integrativen Dialog können wir der Geschichten der anderen zuhören und sie einladen, sich mit uns gemeinsam auf den Weg zu machen. Wenn wir eine schmerzhafte Geschichte eingestehen, können wir den Weg zu Verständnis, einer gemeinsamen Verantwortung und letztendlich Vergebung und Versöhnung freimachen. Durch echte Partnerschaften und nachhaltige Teamarbeit können wir beginnen, Vertrauen aufzubauen und Veränderung dort herbeizuführen, wo es am schwierigsten und notwendigsten ist.

 

Rob ist ein Trainer, Facilitator und Schriftsteller. Er engagiert sich für die Heilung zwischen Rassen und leitet Workshops zum Aufbau von Vertrauen zwischen verschiedenen und polarisierten Gruppen in ganz Nordamerika und im Ausland. Er war Landesleiter von Initiatives of Change USA und gründete das Flagschiff-Programm "Hope in the Cities" in Richmond/Virginia. 

Abigail arbeitet in den Bereichen Rassenbeziehungen, Flüchtlingsbetreuung, Adoption und Kinderfürsorge sowie für Behindertendienste. Sie ist Absolventin des Caux Scholars-Programms und des Community Trustbuilding Fellowship.

Die oben genannten Schritte und Prozesse stammen direkt aus dem Trustbuilding-Handbuch "A Handbook & Resource for Trainers" © (Zusammengestellt und herausgegeben von Abigail Lash Ballew & Rob Corcoran, Oktober 2019)

 

Sie fühlen sich inspiriert und sind motiviert, um in Ihrem Umfeld Vertrauen aufzubauen? 
Finden Sie hier heraus, wie Sie Teil des IofC-Netzwerkes werden können!

 

Das Trustbuilding-Programm befasst sich international und national mit Konfliktthemen. Voraussetzung ist hierbei die Überzeugung, dass nur Menschen, die sich persönlich mit dem Aufbau von Vertrauen auseinandergesetzt haben, weltweit Spaltungen überwinden können. Das Programm wurde 2019 in Kenia, Kanada und Frankreich von Initiativen der Veränderung ins Leben gerufen.