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Visier and Pari Sanyü
Naga-Saga: Die aussergewöhnliche Geschichte von Visier Sanyü
Buchbesprechung
Mittwoch, August 30, 2017
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Naga-Saga: Die aussergewöhnliche Geschichte von Visier Sanyü

Buchbesprechung

Wie Millionen von Flüchtlingen auf der ganzen Welt weiss auch Visier Sanyü, was es bedeutet, vor Gewalt und Konflikten zu fliehen. Er ist ein Ältester des Meyasetsu-Clans, der Teil des Angami-Stammes aus Khonoma ist. Khonoma ist ein Dorf, das das Zentrum des bewaffneten Widerstands gegen eine ausländische Besetzung in Nagaland war. Der Bergstaat mit 2 Mio. Einwohnern liegt zwischen Assam im Westen und Burma/Myanmar im Osten.

Nagaland kämpft seit der britischen Kolonialherrschaft in den 1830er Jahren um seine Freiheit. Als Indien und Pakistan vor 70 Jahren im Jahr 1947 unabhängig wurden, ging das Naga-Volk davon aus, der indische Premierminister Jawaharlal Nehru würde ihrem Wunsch, eine unabhängige Nation zu werden, zustimmen. Dies war jedoch nicht der Fall, da er befürchtete, damit eine Präzedenzfall für weitere Staaten zu schaffen. Der Naga-Anführer Phizo rief daraufhin die Unabhängigkeit aus. Nehru entsandte Truppen, die das Recht hatten, zu töten. Dies hinterliess ein bitteres Erbe, das die Naga untereinander in sich bekriegende Fraktionen spaltete. Der Konflikt hat bis zum heutigen Tag 100 000 Menschenleben gekostet. 

Visier war erst fünf Jahre alt, als er 1956 mit seiner Familie vor der indischen Besatzungsarmee in den Dschungel floh. "Die Armee beschoss Khonoma...unser Heimatdorf brannte 12 Tage lang und wurde komplett zerstört."

Seine Familie musste ums Überleben kämpfen und litt zwei Jahre lang unter Hunger und Krankheiten - eine einschneidende Erfahrung für den kleinen Jungen, an die er sich auch heute noch deutlich erinnert. 1958 wurde ein Amnestie ausgerufen und die Familie konnten nach Hause zurückkehren. Sein Vater öffnete in einem anderen Dorf einen Laden. Visier schreibt: "Aus diesem Trauma und tiefen Leiden der Dschungeljahre heraus entstand auch Liebe und Mitgefühl und ein Verständnis für das Leiden der Menschheit."

Ironischerweise war Visier einer der 32 Naga-Jungen, die unter 6000 ausgewählt wurden, um an einer indischen Militärakademie in Ostindien zu studieren, was ihm zu einer ausgezeichneten Bildung verhalf. Aber in seinem vierten Studienjahr brachen gewalttätige Anti-Naga-Aufstände aus. Visier kehrte traumatisiert nach Hause zurückt und beendete seine Schulzeit in Shillong, der Hauptstadt Assams.

All diese hätte dazu führen können, dem bewaffneten Widerstand beizutreten. Doch dank unerwarteter Ereignisse in seinem Leben kam es nicht dazu. 1967 kam Rajmohan Gandhi, der Enkel Mahatma Gandhis, in sein Dorf und erklärte: "Ich hab die Gräber eures Volkes gesehen. Ich habe die Überreste eures Dorfes, das 1956 verbrannt wurde, gesehen. Ich entschuldige mich zutiefst dafür, was die indische Armee euch angetan hat." Die Reaktion darauf, erinnert sich Visier, war wie ein elektrischer Schlag. "Da war dieser Inder...und entschuldigte sich für das Töten, die Brandschatzung und das Chaos...Ich erkannte, dass eine Entschuldigung und das Eingestehen von Reue eine heilende Wirkung haben kann - und zwar für alle Beteiligten."

Ausserdem sah Visier in der Schule eine Musikrevue mit dem Titel "Anything to Declare?", die in Shillong aufgeführt wurde. Die Revue wurde von der Moralischen Aufrüstung, der heutigen Initiativen der Veränderung (IofC), produziert und zeigte wahre Geschichten der Vergebung und Versöhnung. "ich musste mich zutiefst mit ihrer Botschaft der Versöhnung auseinandersetzen." Er besuchte ein Camp in Asia Plateau, dem IofC-Zentrum in Westindien, was "mein Leben auf den Kopf stellte". Mit 19 Jahren wurde er Christ und trat den Baptisten bei, einer weitverbreiteten Konfession in Nagaland.

Er studierte Geschichte an der North Eastern Hills University in Shillong und wurde der erste Angami mit einem Doktortitel in Geschichte.

1974 war er Teil einer reisenden Theatergruppe; die eine weitere IofC-Show mit dem Titel "Song of Asia" aufführte. Dies sollte "mein Leben verändern und mir zu einem Netz von Freunden auf der ganzen Welt verhelfen, das bis heute besteht." Auch in dieser Show ging es um Vergebung. Eine Person erklärt in der Show: "Wenn ich den Mut haben kann, einen Mann zu töten, warum habe ich dann nicht den Mut, ihn so zu lieben, dass er ein anderer Mensch wird?"

1986 heiratete Visier Pari Duncan, die er in Shillong kennengelernt hatte. Er wurde der erste Leiter der Geschichts- und Archäologiefakultät an der Nagaland University. Doch der andauernde Konflikt mit der indischen Armee bedeutete, "ständig wie auf Eierschalen zu gehen" und es kam täglich zu Gewalt. Die Familie beschlossen, mit ihren drei kleinen Kindern nach Australien umzuziehen, wo er Theologie in Melbourne studierte. Sie blieben 20 Jahre lang in Australien, wo er damit zufrieden war, "ein ehrlicher, hart arbeitender Flüchtling zu sein, so wie 50 Millionen anderer auf dieser Erde". Sie hatten Glück, da sie vom IofC-Netzwerk in Australien herzlich aufgenommen wurden.

Die weiteren Kapitel in seinem Buch, das mit Unterstützung von Richard Broome von der La Trobe University geschrieben wurde, befassen sich mit seinem beachtlichen Beitrag zur australischen Gesellschaft. Visier hatte leitende Stellungen am Nationalrat der Kirchen und anschliessend bei World Vision inne.

Als er 2015 nach Nagaland zurückkehrte, wo er einen grossen "Garten der Heilung" anlegte, schloss sich der Kreis. Seine spannende Geschichte spricht zu allen auf der Welt, die vor Gewalt und politischer Unterdrückung fliehen mussten - und zu all denen, die sie herzlich aufnehmen. Flüchtlinge sind in der Tat am Aufbau des Landes, in dem sie leben, mitbeteiligt. Aus grossem Leiden kann Erfüllung entstehen, wie Visiers bemerkenswerte Geschichte deutlich aufzeigt.

 

Eine Naga-Odyssee: Visiers langer Weg nach Hause
von Visier Meyasetsu Sanyü mit Richard Broome
Monash University Publishing, Australien
ISBN: 9 781925 495829