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Ungemütliches Schweigen

Von Tracie Mooneyham / IofC International

Donnerstag, 24. August 2017

Tracie MooneyhamIch spüre, dass es notwendig ist, angesichts der Ereignisse in Charlottesville/USA meinen Freunden und Kollegen auf der ganzen Welt sowie all denjenigen, die sich fragen, was in jüngster Zeit in den USA vor sich geht, eine Art Antwort zu geben . Aber ehrlich gesagt, weiss ich nicht so recht, was ich schreiben soll. Sehen Sie es mir daher bitte nach, wenn dies alles etwas unorganisiert erscheint.

Es ist nicht so, dass ich nicht weiss, was ich sagen soll. Das stimmt so nicht. Es gibt in meinem Kopf viele Worte, um zum Ausdruck zu bringen, wie traurig ich mich fühle, wie enttäuscht ich bin und wie verwirrt ich unserer Zukunft entgegensehe. Es ist nur so, dass ich erkannt habe, dass egal, was ich schreibe, alles vermutlich wirkungslos verpuffen wird. Was ich zum Ausdruck bringen möchte, kann durch mein früheres Schweigen zu diesem Thema abgeschwächt werden.

Ich habe die meiste Zeit meines Lebens geschwiegen, weil ich, ehrlich gesagt, keinen Grund hatte, mich zu beklagen. Ich habe mich irrtümlicherweise so verhalten, als ob mich keines dieser Ereignisse betreffen würde. Darin liegt vielleicht ein Teil des Problems. Vielleicht habe ich es mir in meinem Schweigen zu gemütlich gemacht.

Diese Erkenntnis ist für jemanden, der von jeher eher introvertiert war, unangenehm. Ich war schon immer jemand, der beobachtete. Ich war das stille Kind im Klassenzimmer, das zu schüchtern war, etwas zu sagen oder Fragen zu stellen und ich entwickelte mich zu einem Erwachsenen, der sich in der Öffentlichkeit zurückhaltend verhält. Ich hatte Angst davor - und habe es auch heute noch -, mich lächerlich zu machen, wenn ich vor anderen meine Meinung zum Ausdruck bringe. Meine Angst, abgelehnt zu werden und meine Furcht vor Herausforderungen hinderten mich daran, offen und ehrlich zu sein. Ich war zufrieden, am Rand zu sitzen und andere reden zu lassen, während ich zustimmend nickte. Wie schon gesagt, dachte ich irrtümlicherweise, Worte und Handlungen anderer hätten nicht wirklich etwas mit mir zu tun. Und dennoch spüre ich, dass mein Schweigen auf gewisse Weise anderen erlaubt, Schaden anzurichten. Indem ich nichts sage, habe ich das Gefühl, andere haben mein Schweigen als Lautsprecher benutzt, um ihre negativen Worte zu verbreiten.

Während ich hier in Richmond an meinem Schreibtisch sitze und krampfhaft versuche, etwas zu Papier zu bringen, das Tiefgang hat und zum Nachdenken anregt, merke ich, dass ich innerlich noch nicht einmal die richtigen Worte finde. Ich bin bestürzt, entmutigt und habe Angst davor, was dieses Land zugelassen hat. Zugelassen. Ja, das ist das richtige Wort. Ich habe das Gefühl, dass wir, die Privilegierten, schweigend dabeigesessen und gehofft haben, andere würden Lösungen für die Probleme unserer Gesellschaft finden. Wir belassen es in unseren eigenen Kreisen bei guen Worten, aber wie viele von uns sagen wirklich laut und öffentlich das, was sie denken? Als introvertierter Mensch mit einem leidenschaftlichen Kern stehe ich dieser Tatsache ständig frustriert gegenüber. Wurden wir nicht alle erzogen, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen? Wie würden wir uns fühlen, wenn uns niemand verteidigen würden, wenn unsere Existenz in Frage gestellt würde?

Nun, ich denke, es ist für diese Introvertierte an der Zeit, tapfer zu sein und den Mund mehr aufzumachen! Wenn ich auch nur einen Satz zur Verteidigung eines Menschen, der durch Ignoranz in Gefahr ist, sagen kann, ist das unendlich viel besser als ein passives Schweigen. Ich kann es nicht vor meinem Gewissen verantworten, dass Hass und Angst die Luft, die wir alle atmen, vergiften. Mein Engagement mit Initiativen der Veränderung hat mir gezeigt, dass globaler Wandel durch persönliche Veränderung angestossen wird. Ohne die Ermutigung andere IofC-Mitglieder hätte ich längst nich so viel Selbstbewusstsein. Aber nachdem ich anderen - Mitgliedern und Führungspersönlichkeiten - und ihren Berichten und Erzählungen zugehört habe, habe ich erkannt, dass ich etwas verändern kann und werde, wenn ich auch von mir etwas preisgebe. Ich habe in dieser Organisation so viele Menschen kennengelernt, die Ehrlichkeit, Selbstlosigkeit, Liebe und eine Reinheit des Herzens und Handelns verkörpern.

Zum Abschluss möchte ich mich selbst und andere, die schweigend dagesessen haben, herausfordern. Sag, was du denkst, wenn du davon überzeugt bist, dass Liebe stärker ist als Hass. Rede so, als ob dein Leben davon abhängt, denn eines Tages könnte genau das geschehen. Sage deine Meinung, ein positives Wort nach dem anderen, bis du die negativen Redeweisen übertönen kannst. Mach dich mit dem Gedanken vertraut, unbequem zu sein, denn soziale Veränderung beginnt zu allererst tief im Inneren. Ich fange von Grund auf damit an, indem ich mein Schweigen breche.

Tracie Mooneyham arbeitete während ihrer College-Zeit für verschiedene Bekleidungsunternehmen. Sie ist derzeit für eine Familienstiftung als Programm- und Stipendienleiterin tätig. Sie engagiert sich ausserdem ehrenamtlich für Initiativen der Veränderung International, die American Association of University Women und die Interfaith Community of Greater Richmond. In ihrer Freizeit fährt sie Kajak, arbeitet gerne im Garten und macht Fotos für Instagram.

ANMERKUNG:  Menschen aus vielen Kulturen, unterschiedlicher Nationalität, Religion und Glaubensüberzeugungen arbeiten aktiv bei Initiativen der Veränderung mit. Dieser Kommentar bringt die Meinung der Verfasserin und nicht notwendigerweise die Überzeugung von Initiativen der Veränderung als Ganzem zum Ausdruck.